Kirche der Zukunft

Kirche der Zukunft – der Jerusalem-Campus Hamburg

Viele sagen, dass die Kirche der westlichen Welt in einer ihrer schwersten Krisen stecke. Mag sein. Aber müssen wir das Ganze nicht auch als einen notwendigen Erneuerungsprozess sehen der zum Ziel hat, die Kirche zukunftsfähiger zu machen? Leider wird er häufig nicht so gesehen.

Wie wäre es beispielsweise, wenn mitten im schmerzhaften Rückbau von Kirche in Deutschland, der an vielen Stellen auch sein muss, gleichzeitig in wenigstens einige zukunftsorientierte Pilotprojekte investiert würde? Was wäre, wenn mitten in der Trauer um Mitgliederschwund, Gemeindefusionierungen, Kirchenschließungen und Pastorenmangel einige hoffnungsvolle Pilotprojekte gefördert würden, an denen wir gemeinsam lernen, wie eine Kirche der Zukunft aussehen könnte?

Der Jerusalem-Campus in Hamburg ist so ein hoffnungsvolles Projekt.

Drei Gemeinden unter einem Dach

In der Jerusalem-Kirche sind seit einigen Jahren drei kleine Gemeinden zu Hause: Die Jerusalemgemeinde ist die Stammgemeinde. Seit ihrer Gründung vor rund 100 Jahren ist sie eine Personalgemeinde ohne Pfarrbezirk, welcher der christlich-jüdische Dialog ein besonderes Anliegen ist. Das schlägt sich in allen Gottesdiensten, Bibelstunden und in der Jerusalem-Akademie nieder. Seit einigen Jahren nutzt auch die Immanuel-Gemeinschaft die Räume für ihre Gemeindearbeit mit. Sie gehört zur charismatischen Gemeindeerneuerung (GGE), welche geistliches Wachstum und die Innigkeit der Beziehung zwischen Menschen und Gott fördern will. Der Dritte im Bunde ist seit einigen Jahren die Projektgemeinde jesusfriends. Sie gehört zum Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband und lädt Menschen ein, Glaube, Gott und Kirche neu zu entdecken und zwar mit Formaten, die zum urbanen postmodernen Lifestyle passen. Alle drei gehören zur Evangelisch-lutherischen Nordkirche und haben zusammen etwas über 200 Mitglieder.

Die Krise als Chance zu einem neuen Aufbruch

Mit dem Ziel, einen großen Teil der Gebäude los zu werden, führte der Kirchenkreis Hamburg-Ost vor zwei Jahren den sog. Gebäudeprozess durch. Dieser stufte Kirchengebäude nach ihrer Substanz und Bedeutung ein. Nicht bewertet wurde dabei die inhaltliche Arbeit oder ob eine Gemeinde ein Zukunftskonzept hat. Die Jerusalem-Kirche fiel unter die Kategorie „nicht weiter förderungswürdig“. Damit stellte sich für alle drei Gemeinden die Frage nach ihrer Zukunft. Die Infragestellung des Standorts Jerusalem-Kirche erschien uns umso absurder, weil im Gegensatz zum allgemeinen „Weiterso, aber mit begrenzen Mitteln“ unter den drei Gemeinden in der Jerusalem-Kirche schon länger Ideen diskutiert wurden, die ein Alleinstellungsmerkmal für diesen Ort darstellen und ihn zukunftsfähig machen könnte. Die Krise wurde zum Auslöser, diese Ideen jetzt zügig und mutig weiter zu verfolgen. Uns war bewusst, dass die Kirche als gesamte aber auch wir als Ortsgemeinde nicht rein durch Sparmaßnahmen zukunftsfähig würde, sondern durch neue Ideen und Angebote, sowie eine Rückbesinnung auf den Kernauftrag, den wir vom Evangelium her haben.

Projekt Jerusalem-Campus – eine Vision, zwei Ziele

Ausgehend von Namen und Thema, welche die Jerusalem-Kirche von jeher hat und als Antwort auf eine der ganz großen gesellschaftlichen Fragen, machen wir mit dem Jerusalem-Campus das Thema interreligiöser Dialog und interkulturelle Begegnung zu unserem Fokus.

Bedingt durch den Hafen war Hamburg schon immer ein Schmelztiegel von Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen. Ob es uns gelingt, von einem Nebeneinanderher zu einem Miteinander zu kommen, wird eine Schlüsselfrage für die Zukunft unserer Stadt sein.

Der Name Jerusalem weckt in uns eine Sehnsucht nach einem friedlichen Zusammenleben der Kulturen und Religionen, er steht aber auch für den Schmerz, wenn es nicht gelingt. Mehr denn je brauchen wir Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Kultur und Religion sich begegnen, aufeinander zugehen und voneinander lernen – auch in Hamburg.

Auf diesem Hintergrund und der Erfahrung, dass der ewige Gott uns Menschen in Jesus Christus begegnet, um Frieden zu stiften, uns motiviert und befähigt, anderen in diesem Frieden zu begegnen, haben wir beschlossen: Die Jerusalem-Kirche soll ein solcher Begegnungsort sein.

Es ist unsere Vision, einen unverwechselbaren Beitrag zu mehr Verständnis und Frieden unter den Menschen in Hamburg zu leisten. Wir träumen von einem Ort, an dem Gottes Liebe erfahrbar wird und nach außen ausstrahlt. Nicht als eine bloße Idee oder ein Anliegen, sondern konkret gelebt, erreichbar in der Nachbarschaft mitten in Hamburg.

Zunächst ist es unser Ziel, als drei Gemeinden die Jerusalem-Kirche gemeinsam und auf unsere je eigene Art zu beleben. Dieses ökumenische Miteinander schafft unterschiedliche Zugangswege zu Glaube und Spiritualität. Nicht nur für uns, sondern auch für andere. Deshalb ist es ein zweites Ziel, die Jerusalem-Kirche für die Stadt zu öffnen – als Plattform für Dialog, Bildung und Begegnungen zwischen den Religionen und Kulturen unserer Stadt.

Hierfür haben wir als drei Gemeinden Ende 2017 den gemeinnützigen Verein Jerusalem-Campus e.V. gegründet.

Welche wichtigen kirchlichen Zukunftsfragen lösen wir für uns und bieten damit gleichzeitig einen Erprobungsraum, an dem die ganze Kirche für ihre Zukunftsfragen modellhaft lernen kann?

  • Die Finanzierungsfrage lösen – wir müssen unabhängiger von der Kirchensteuer werden und mit Ressourcen schonend umgehen. Wir können es uns z.B. nicht mehr leisten, dass eine Kirche nur am Sonntagvormittag genutzt wird. In der Jerusalem-Kirche erzielen wir Synergieeffekte, weil durch die Kooperation mit drei Gemeinden jeden Sonntag drei unterschiedliche Gottesdienste stattfinden. Auch der Mittwoch wird fast ganztägig von den Gemeinden bespielt. Umgekehrt werden an den anderen Tagen Räume vermietet. So erschließen wir uns einerseits neue Einkommensquellen, anderseits entstehen dadurch Begegnungen mit Menschen und neue Vernetzungen.
  • Dem Pastorenmangel begegnen – alle drei Pastoren in der Jerusalem-Kirche haben keine Vollanstellung in der Gemeinde. Sie können nicht alles machen, die Gemeindeglieder sind selbst aufgefordert. Die Kirche der Zukunft wird wieder viel stärker eine Beteiligungskirche aus einem Mix aus freiwilligen Mitarbeitern, bezahlten, teilbezahlten und ehrenamtlichen Pastorinnen und Pastoren. Hierzu ist nötig, dass Hauptamtliche nicht mehr Macher, sondern Trainer sind. Die zukünftige pastorale Hauptaufgabe wird sein, die Gemeindeglieder für ihre Aufgaben zu motivieren, auszubilden und zu begleiten.
  • Eine neue Antwort auf die Frage nach dem Auftrag der Kirche finden –  wer im großen Stil kürzen und streichen muss, muss nach Prioritäten fragen. Was ist uns als Kirche das Wichtigste? In der Jerusalem-Kirche haben wir die Erfahrung gemacht, dass uns dies zu unserem Kernauftrag zurückbringt, welcher uns vom Evangelium her gegeben ist. Sich auf das Wesentliche zurückbesinnen muss kein Schaden sein. Im Gegenteil. Aus diesem Zurückgeworfensein erwächst neue Kraft für Innovation und Mission. Es geht um eine neue Sprachfähigkeit mit und für interreligiöse Partner und Zeitgenossen bei gleichzeitigem Stärken der biblisch-christlichen Kernbotschaft.
  • Tradition und Innovation zusammenbringen – keine Frage, die Kirche muss noch viel mehr in der Welt des 21. Jahrhunderts ankommen. Viele Menschen können mit den kirchlichen Formen und ihrer Sprache nicht mehr viel anfangen. Umgekehrt muss Kirche schon Kirche bleiben und darf nicht beliebig dem Zeitgeist verfallen. Die Jerusalem-Kirche ist über 100 Jahre alt und ihre drei Gemeinden spiegeln die ganze Bandbreite der Generationen wider. Gemeinsam haben wir einen Weg gefunden, in unseren Veranstaltungsformaten oder in der Gestaltung der Räume Tradition und Innovation zu versöhnen. Hier wollen wir weiter mutig experimentieren.
  • Leer stehende Kirchen sinnvoll nutzen – in der EKD wird gesagt, dass bis 2030 30% der kirchlichen Gebäude abgegeben oder umgenutzt werden müssen. Wem gehören eigentlich die Kirchen? Na, der Kirche. Aber wer ist „die Kirche“? Eigentlich doch die Kirchenmitglieder, also wir alle. Übrig gewordene Kirchen sollten den Menschen überlassen werden. In der Jerusalem-Kirche experimentieren wir mit einem Konzept aus offener Kirche, Vermietungen und Selbstnutzung durch die Gemeinde. Neben dem kirchlichen Gebrauch für Gottesdienste wird die Jerusalem-Kirche vermietet und steht der Nachbarschaft als Treffpunkt und Begegnungsort im Stadtteil offen.
  • Mitgliederschwund begegnen, Konfessionalismus überwinden – in den großen Städten und im Osten Deutschlands, wo die Kirche unter 40 und unter 30 Prozent Mitglieder hat, kann man kaum noch angemessen von Volkskirche sprechen. Kirche hat Mitglieder und Vertrauen verloren. Das heißt, sie muss wieder neu auf die Menschen zugehen. Zudem kann sie es sich nicht leisten, Grabenkämpfe zu führen, sondern muss mit anderen ökumenisch zusammenarbeiten. Durch die ökumenische Kooperation dreier Gemeinden in der Jerusalem-Kirche üben wir uns hierin. Durch die ökumenische Zusammenarbeit können wir den unterschiedlichen Menschen im Stadtteil mit einem vielfältigeren Angebot begegnen und schaffen es so auch, vielfältigere Zugangswege zu Glauben, Gott und Kirche zu ermöglichen.
  • Kirche vor Ort in einer digitalen Welt gestalten – wenn ein Mensch in einer vergangenen Zeit wissen wollte, wie er in den Himmel kommt, hatte er nur eine einzige Möglichkeit, an diese Information zu kommen: Er musste um 10 Uhr in eine Kirche gehen, denn dort war der Experte, der ihm das sagen konnte. Dieses Monopol hat die Kirche verloren. In einer digitalen Welt ist alles Wissen im Netz verfügbar. Die Menschen brauchen Kirche und Gottesdienste hierfür nicht mehr. Trotz allem sehen Gottesdienste und Kirchen sehen immer noch so aus, als ginge es vor allem um Informationsvermittlung. In der Jerusalem-Kirche wollen wir digitale Angebote ausbauen, anderseits setzen wir auf z.B. auf Gottesdienstformate, die betonen, was das Internet nie wird leisten können: Dialogelemente, Interaktion, Glauben erleben, Gefühle, Berührungen, Austausch – „… schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist“.